Königsberg 1945: Berichte von Rotarmisten

Königsberg 1945 – Ex-sowjetische Offiziere als historische Quelle

von Bernhard Fisch

Der Historiker Bernhard Fisch, der bereits über das Nemmersdorf Massaker schrieb und sich zum Teil auf verharmlosende sowjetische Truppenberichte stützte, veröffentlichte 2001 ein weniger bekanntes Interview mit hochrangigen Rotarmisten, wie Aleksandr Aksjonovič Muchin. Dieser war erster Stadtteilkommandant von Königsberg in den Vierteln Fuchsberger Chaussee bis Cranzer Allee. Unter seiner Führung kam es zu Hungersnöten unter den Deutschen, weil das Getreide veruntreut wurde.

Zitat aus: Arnold U./ Glauert, M./ Sarnowsky, J., Preußische Landesgeschichte. Festschrift für Bernhart Jähning zum 60. Geburtstag. Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, Bd. 22, Marburg 2001, S. 127 – 135.

1. Die Gesprächspartner

Die internationale Staatengemeinschaft hat schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts über den Umgang der kämpfenden Seiten eines Krieges mit der Zivilbevölkerung im Lande des Gegners verbindliche und anerkannte Regeln festgelegt. Trotzdem erlebte Südosteuropa am Ausgang dieses Säculums erneut massenhaft Folter, Vergewaltigung und Vertreibung. Der Erforschung dieser Vorgänge stellen sich besonders große Schwierigkeiten entgegen. Offizielle Dokumente der Führung der eindringenden Armee sind selten. Kaum eine Armee dokumentiert die Untaten ihrer eigenen Soldaten.

Schriftliches Material entsteht höchstens bei der militär-juristischen Untersuchung und im Arbeitsprozeß der fiír die Erziehung der Soldaten zuständigen Organe. Der Forscher ist auf die Erlebnisberichte der Opfer und derer, die sich daür ausgeben, angewiesen.

Täter melden sich nicht zu Wort.

Die Opferberichte sind mit allen negativen Seiten der „oral history“ belastet, wobei die Verfälschung der realen Vorgänge durch den hohen Anteil psycho-physischer Traumata wie auch die individuelle ideologische Position evident ist. Solche Berichte liegen meist in schriftlicher Form vor. Bei ihrer Lektüre ist zu berücksichtigen, daß bei der schriftlichen Fixierung von Aussagen ein Prozeß der gründlicheren geistigen Durchdringung der niederzulegenden Aussage vorangeht.

Bei der Beleuchtung des Schicksals der deutschen Zivilbevölkerung während des II.

Weltkrieges in den ostwärts von Oder und Lausitzer Neiße liegenden ehemaligen Provinzen

des Deutschen Reiches ist der Forscher z. Zt. fast ausschließlich auf Opferberichte angewiesen. 1

Die Archive Rußlands, in denen möglicherweise schriftliche Zeugnisse der Tätigkeit von Politverwaltungen und Militärgerichten der Roten Armee lagern, öffnen sich nur langsam. Erste Produkte dieser Bewegung sind u .a. die Monographien über das Leben der deutschen Zivilbevölkerung in Königsberg/Kaliningrad nach 1945 2 und über die Vertreibung

der Deutschen aus diesem Territorium 3.

Äußerungen ehemaliger Rotarmisten, also der Täter oder ihrer Kameraden, sind bisher nicht bekannt geworden, wenn man von den literarisch

ambitionierten Schilderungen Lew Kopelews und Alexander Solschenizins absieht. 4

Deswegen muß es als glücklicher Umstand angesehen Werden, daß sich dem Autor Anfang Oktober 1993 zwei ehemalige Offiziere im Staatlichen Gebietsarchiv von Kaliningrad/Königsberg zum Gespräch stellten.5

In Rußland nennen sich die Soldaten des II. Weltkrieges Veteranen. Ihre Rolle im gesellschaftlichen Leben des Landes ist immer noch bedeutsam, fassen sie sich doch als diß letzte moralische Instanz des Landes auf.

Sie glauben, sich diese Rolle unter Einsatz ihres Lebens erkämpft zu haben.

Sie haben diese seit Kriegsende hartnäckig ausgeübt und hüten sie heute noch fast eifersüchtig. In Fragen des Krieges 1941 bis 1945 steht ihnen in ihrem Selbstverständnis ohnehin das letzte und entscheidende Wort zu. Sie meinen, daß nur sie die ganze Wahrheit über den Krieg kennen. Das hatte ich zu berücksichtigen.

Als Bedingung fiír meine Teilnahme an dem Treffen hatte ich völlige Freiheit bei der

Formulierung meiner Fragen ausgebeten.

Ich wollte die deutsche Behauptung, der Soldat habe mit Erlaubnis der Armeeführung in den ersten drei Tagen nach der Kapitulation der Garnison Königsberg völlige Handlungsfreiheit gehabt, erörtern.

Weiterhin wollte ich die Übergriffe von Rotarmisten gegenüber der Zivilbevölkerung, die mehrtägigen Märsche in die Umgebung der Stadt, die sogenannten Propagandamärsche, und die Plünderungen anschneiden. Die spätere Zusammenarbeit mit den verbliebenen Deutschen wollte ich nicht ausschließen.

Gesprächspartner waren Aleksandr Aksjonovič Muchin und Pjotr Afanas’evič Čagin, beide aus Kaliningrad (Königsberg).

Muchin war einer der ersten sowjetischen Stadtteilkornmandanten in Königsberg. Sein Stadtteil Nr. 2 umfaßte den Nordwesten der Stadt, etwa das Gebiet der heutigen Straßenzüge Sovetskij Prospekt – Gor’kij- und Alexandr-Nevskij-Straße.6

In dieser Position stand er von Anfang April 1945 bis zum Oktober 1946. Als Muchin den Posten antrat, hatte er gerade die Frunse-Akademie des Generalstabs abgeschlossen und war zum Major befördert worden; er war damals 24 Jahre alt. An der Akademie hatte er eine einjährige Kurzausbildung in allgemeiner Truppenführung absolviert. Eine spezielle Ausbildung für die Tätigkeit als Kommandant hat er nicht erhalten. Er ist ein erfahrener Soldat. Seit der Schlacht von Stalingrad hatte er in MG- und Schützenbataillonen Dienst getan. Auf der linken Brustseite seines Anzugs trägt er sechs Reihen Ordensbänder, darunter befindet sich das grün-schwarz gestreifte Band der Medaille „Für die Einnahme von Königsberg“. Čagin arbeitete vom 6. April 1945 bis zum Februar 1946 in der Funktion eines Gehilfen des Stadtteilkommandanten für die Erfassung der Zivilbevölkerung in den südlichen Stadtteilen, in Schönfließ und Rosenau.

Mit seinen damals 24 Jahren war er nach Besuch einer Mittleren Kriegsschule zum Gardehauptmann in einem lnfanleriebataillon aufgestiegen. Beide beziehen eine Rente. Čagin ist noch als Abnahneingenieur in einer Schiffswerft tätig. Muchin

beschäftigt sich mit militärhistorischen Fragen. Die Tätigkeit Muchins ist Partiell durch die Akten der „Militärkommandantur von Stadt und Festung Königsberg“ belegt. So habe die 2. Stadtteilkommandantur unter Militärkommandant Major Muchin am 20. Mai Kartoffeln zur Aussaat erhalten. Am 25. sei erst ein Fünftel der Menge ausgepflanzt worden. Der Stadtkommandant kritisierte darüber hinaus, daß die Befehle zur Vorbereitung auf die Heu- und Getreideernte seitens der 2. Stadtteilkommandantur schlecht ausgeführt würden. Überdies habe sie die deutsche Bevölkerung nicht zum Anlegen von Gemüsegarten angehalten. Deswegen bestrafte der Stadtkommandant Muchin mit einem Verweis.7

Im Juli kritisierte der Stadtkommandant, daß trotz einer Reihe von Befehlen Mahd und

Getreidernte in den Stadtteilkommandanturen unbefriedigend vorangehen.

Nach dem Stande von 8. Juli hatte zwar die Kommandantur 2 die Grasmahd erledigt, alle anderen Kommandanturen ließen aber das geschnittene Gras nicht wenden.

Die 2. Kommandantur kümmere sich dagegen nicht um die Ausbildung von Erntespezialisten. Im gleichen Monat wurde Muchin wegen des geringen Tempos bei den Instandsetzungsarbeiten in einem Wasserwerk gerüffelt. Die Arbeiten gingen langsam voran, das Dach sei noch nicht gedeckt, Kessel und Filter seien noch nicht repariert, es herrsche schlechte Disziplin, die Arbeiter verspäteten sich, es werde getrunken. Der 2. Kommandantur erfülle ihre Aufgaben nur unbefriedigend. Daher wurde das Wasserwerk aus der Verwaltung des 2. Stadtteils herausgenommen und dem Stellvertreter des Kommandanten übergeben. 8

Im November schließlich wurde Muchin wieder negativ erwähnt. Im Bereich der 1. und

2. Stadtteilkommandantur seien von Offizieren 20 Dezitonnen Weizen gestohlen und zu

Schnaps verarbeitet worden. Offiziere der Komandanturen, die zur Führung der Arbeiten

in der Landwirtschaft eingesetzt waren, hätten das unterstützt. 9

Für die Bewertung der Inhalte des nachfolgend mitgeteilten Gesprächs durch den Leser

ist es wichtig zu wissen, daß mein Gesprächspartner nichts von dieser Aktenkenntnis wußte.

2. Das Gespräch

Fisch: Was waren Ihre ersten Aufgaben, nachdem Sie in das Amt eingesetzt worden waren?

Muchin: Die Komandanturen waren vor Beginn des Angriffs gebildet worden und

drangen gemeinsam mit den Sturmabteilungen in die Stadt ein. – Unsere erste Aufgabe bestand darin, während der Kämpfe bereits, die besonders wichtigen Objekte unter Schutz zu stellen. Das waren die Post, das Fernsprechzentrum, das Funkhaus, das Wasserwerk, die einzelnen Industriebetriebe. Zugleich galt es, das Leben der Bevölkerung zu schützen und unsere Soldaten von ungesetzlichen Handlungen abzuhalten. Zu diesen Zweck wurden uns spezielle Truppeneinheiten unterstellt.

Wir mussten die Zahl der deutschen Bewohner feststellen und deren normales Leben sichern. Hauptsache, daß es keine Exzesse von Seiten der Soldaten gab. Es gab keinerlei, jawohl, keinerlei Befehle der Überordnenden Instanzen mit einem Inhalt, der ein negatives oder höhnisches Verhältnis zur Zivilbevölkerung ausgedrückt hatte, da ist uns nichts bekannt geworden. Und es gab sie nicht. Und solche Dinge haben wir auch nicht zu gelassen.

Selbstverständlich, wenn irgendwo etwas passierte, darm haben wir natürlich im Interesse

der einheimischen Bevölkerung eingegriffen. Wir gingen helfen und stellten die Ordnung in den Wohngebieten der Deutschen her.

Čagin: Was kann ich hinzusetzen? Wirklich, die Stadt bestand nur aus Ruinen. Wir hatten

die Aufgabe erhalten, alle Barrikaden zu beseitigen, die Produktion der Betriebe anzufahren, die im Stande waren, zur Sicherung der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zu produzieren u. a. das Backkombinat, die privaten Bäckereien, einzelne Abteilungen des Schlachthofes, die Produktion des Wasserwerkes in Ordnung zu bringen. Aleksandr Afanas’evič hat das Wasserwerk im Norden der Stadt erwähnt, das heute noch arbeitet. Ich nahm an den Arbeiten zur Instandsetzung des Wasserwerkes im Südosten, im Gebiet von Schönfließ, Emeljanov-Straße 10, teil.

Fisch: Wie war die Kommandantur gegliedert?

Muchin: Angesichts der starken Zerstörungen in der Stadt, mußten wir als erstes das Leben in der Stadt sicherstellen. Mit diesen Aufgaben wurde bei uns die Zivilverwaltung betraut, in der es kommunale Abteilungen aller Richtungen gab, für Ausweise, für Bevölkerungsstatistik und einige andere. Der Leiter der Zivilverwaltung war zugleich Stellvertreter des Militärkommandanten von Stadt und Festung Königsberg. Eine der wichtigsten Aufgaben – keine Exzesse der Militärangehörigen gegenüber der Zivilbevölkerung zulassen!

Fisch: Welche Möglichkeiten hatten Sie zur Wirkung auf die Disziplin in der Truppe?

Muchin: Wir hatten großen Einfluß auf die Disziplin der Soldaten. Zunachst einmal, bei

uns auf dem Territorium von Stadt und Festung Königsberg war die Gesswamtgarnsion. Außerdem standen in den Stadtteilen entsprechende Garnisonen. Und ihr höchster Kommandeur war Chef der Stadtteilgarnison. In meinem 2. Stadtbezirk leitete die Garnsion der Komandeur des 1. Panzerkorps Generalleutnant Budko. Ich habe ihn regelmäßig über die Situation informiert, in welchen Truppenteilen die meisten Verstöße vorgekommen sind und er, als Garnisonsältester, hat die entsprechenden Maßnahmen ergriffen. Diejenigen Soldaten, die wir verhaftet haben, wurden in der Wache arrestiert, wer an Verbrechen beteiligt war, dessen Materialien wurden der Militärstaatsanwaltschaft übergeben. (Sind die Quellen im Archiv erhalten?)

Čagin: Die ganze Bevölkerung, die unter den Bedingungen in der Stadt verblieben war, wurde zur Beseitigung der Barrikaden herangezogen, und zur Repararatur der zerstörten Betriebe, es wurden alle Hindernisse beseitigt, die von der Wehrmacht stehengelasen worden waren. Über Sie verfügte dann das Oberkommando.

Fisch: Welche Vorstellung haben Sie von Folgenden? Ich weiß aus der sowjetischen Literatur, daß nach der Einnahme von Berlin sich eine ganze Reihe von Soldaten z. B. Im Hitlerbunker ohne Kontrolle aufgehalten hat. Das ist in einer disziplinierten Armee unmöglich. Gab es auch bei Ihnen solche Fälle, daß der Soldat sich der Aufsicht durch Offiziere entziehen konnte?

Muchin: Ich verstehe Sie so, daß sie nach selbständiger Entfernung von der Truppe fragen. – Nun, solche Fälle gab es natürlich, konkret kann ich dazu leider nichts sagen, ob z. B. solche Leute Gesetzesverstöße begangen haben. Wir, wenn wir Patrouillen ausgeschickt haben, um zu kontrollieren, dann haben diese alle Militärangehörigen überprüft, die sie getroffen haben. Die mußten ihre persönlichen Dokumente vorweisen, wenn der keinen Urlaubsschein hatte, dann wurde der verhaftet und sein Fall untersucht.

Fisch: Also gab es solche Fälle, daß der Soldat nicht unter Aufsicht eines Vorgesetzten

stand?

Muchin: Solche Soldaten haben ja nun nicht gerade den Haupteingang benutzt. Die sind dann irgendwo durch den Zaun geschlüpft. Natürlich hatten sie dazu kein Recht, das Territorium der Kaserne ohne Einverständnis des Vorgesetzten zu verlassen. So ein Verhalten gilt bereits als eigenmächtiges Entfernen von der Truppe.

Fisch: Was wurde mit solchen Soldaten gemacht?

Muchin: Die wurden bestraft. Meistens gab es Arrest, so in etwa bis zu 15 Tagen, wenn er

nicht eine Gesetzwidrigkeit begangen hat. Wenn er eine administrative Gesetzwidrigkeit

begangen hat, dann wurde er im Verwaltungswege bestraft, eine Verwarnung oder Arrest in der Wache, hat er aber ein Verbrechen begangen, dann war das eine Sache für den Untersuchungsrichter und den Militärstaatsanwalt. Die haben dann ein Strafverfahren eröffnet und der Mann wurde zur Verantwortung gezogen.

Fisch: Nehmen wir also den Fall einer Vergewaltigung: Was hat er daür bekommen?

Muchin: Dafür hat das Gesetz eine Strafe von bis zu 10 oder sogar 15 Jahren vorgesehen. Das sind also schwere Folgen.

Fisch: Und bei gruppenweisem Vorgehen?

Muchin: Mindestens 10 Jahre.

Fisch: Gab es solche Vorfälle?

Muchin: Ich kann das jetzt so einfach nicht sagen. Seitdem ist schon viel Zeit vergangen.

Fisch (An Čagin): Erinnem sie sich vielleicht?

Muchin: Da müßte man sich an die Archive wenden.

Čagin: Ich möchte darauf hinweisen, daß von uns sehr schnell die Versorgung der Bevölkerung durch Lebensmittelmarken gesichert wurde.

Einwand Fisch: Das war später und ist bekannt.

Čagin: Für die deutsche Bevölkerung wurden spezielle Geschäfte eröffnet.

Muchin: Die Zivilverwaltung hatte in jedem Stadtteil eine Handelsabteilung. Hier führten

die Bürgermeister aus der einheimischen Bevölkerung eine Statistik der arbeitenden Bevölkerung, zugleich hielten sie Verbindung mit der Zivilverwaltung. Die Geschäfte wurden mit Lebensmitteln versorgt. – Dabei wurde streng verlangt, daß die Interessen der Bevölkerung berücksichtigt wurden.

Fisch: In den deutschen Berichten über jene Tage wird erzählt, daß man die Menschen in

größeren Gruppen aus der Stadt herausgeführt hat. Sie hatten irgendwelche zwei- bis dreitägige Märsche in der Umgebung der Stadt durchzuführen. Ihren Sinn kann ich nicht nachvollziehen. Sie heißen bei den Deutschen „Propagandamärsche“, obwohl mir nicht klar wofür und wem gegenüber Propaganda gemacht werden sollte. Jedenfalls werden sie so in der deutschen Literatur genannt. Haben Sie so etwas gesehen oder davon gehört?

Muchin: Von solchen Dingen habe ich nie etwas gehört. So etwas kann überhaupt nicht stattgefunden haben.

Zum Beispiel, ich persönlich als Militärkommandant erinnere mich noch sehr gut an die ganze Situation. Ich habe jetzt natürlich keinen von den damaligen Deutschen da, um eine Gegendarstellung durchzuführen. Sind da deutsche Gruppen einander gegenübergestellt worden? Dafür gab es doch überhaupt keine Notwendigkeit.

Čagin: Es gab folgenden Armeebefehl: Kontakte mit den Deutschen waren verboten. Dafür wurden die Soldaten sogar bestraft. Offiziere wurden dafür aus der Armee entlassen. Es gab einen Armee- und einen Frontbefehl auf der Basis der Regierungspolitik, daß keine persönlichen Kontakte hergestellt werden sollten.

Fisch: Und Sie? Sie haben doch mit den hiesigen Deutschen Zusammengearbeitet. Nach welchen Kriterien und mit welchen Methoden haben Sie Deutsche zur Zusammenarbeit ausgewählt?

Muchin: Ganz praktisch. Bei de Lösung der täglichen Aufgaben musste ich mit ihnen zusammenarbeiten. Man sucht jemanden für eine Aufgabe, einer gibt einem einen Tip auf einen Spezialisten. Auf diese Weise haben wir gesucht und gefunden. Wir unterhileten uns mit der Bevölkerung. Ich kann mich über die deutsche Bevölkerung nicht beschweren. Die

waren sehr gehorsam. Unsere Forderungen, z. B. irgendwo Ordnung herzustellen wurde

strikt ausgeführt. Wenn es irgendwann irgendwo etwas gegeben hat, – naja, es war Krieg. Wenn etwas passiert ist, dann habe ich dem Untersuchungsorganen der Miliz zusammengearbeitet. ( Sind die Archivunterlagen erhalten?)

Fisch: Wie war der Nachschub organisiert? Hatten die Nachschubeinheiten mit ihren bunt

zusammengewürfelten bespannten Wagen nicht Möglichkeiten, auf dem Rückweg aus der

Stadt, nach Erledigung ihrer Aufgabe, selbständig Beute zu machen?

Muchin: Ich war Bataillonskommandeur, wir haben den Nachschub mit LKWs erledigt.

In die Regimenter und Divisionen, das ging vorwiegend mit LKWs. Von den Lagern in die

Bataillone mit Gespannen. Natürlich, auf kurze Entfernungen.

Fisch: Meine letzte Frage. Ich habe dazu zwar eine eigene Meinung, möchte aber doch

noch nachfragen. Viele Deutsche berichten, der Rotarmist hätte die Erlaubnis erhalten, 3

Tage nach der deutschen Kapitulation machen zu können, was er möchte. Was sagen Sie

dazu?

Muchin: Unsere Vorgesetzten und auch wir hatten gut verstanden, wenn man eine allgemeine Freizügigkeit zuläßt, dann wird alles zerstört. Stellen Sie sich vor, was für eine tolle Stimmung unter unseren Soldaten herschte, als wir ostpreußischen boden betraten. Wir fühlten uns in bester Stimmung. Jedoch hat das Oberkommando streng gewarnt, es verlangte Zurückhaltung und Disziplin. Wenn wir also drei Tage Freiheit gegeben hätten, dann, verstehen Sie, dann hätten wir die Leute gar nicht mehr zusammengebracht. Wir hätten uns selbst geschadet.

Alle wichtigen Objekte wurden ja gleich von den ersten Tagen an bewacht. Noch während der Kämpfe wurden an allen Ausgängen der Stadt spezielle Kontrollpunkte eingerichtet. Dort wurden z. B. alle Fahrzeuge kontrolliert, die die Stadt verließen. Damit niemand irgendetwas aus der Stadt wegbringen kann. Ich erinnere mich noch gut, meine Kommandantur wurde am Sovetskij Prospekt 11 eingerichtet, nicht weit von dem Platz, wo mehrere Straßen zusammenkommen. 12 Unweit von der Pumpstation. Wir besetzten das Kommandanturgebäude, während unsere Panzer noch um den Platz kämpften. Eine deutsche Granate schlug noch in eines unserer Zimmer ein. Gleich neben dem roten Ziegelhaus baute ich sofort einen Kontrollpunkt auf. 13 Seine Aufgabe: Gegen Plünderer und Banditen vorgehen. Das gehörte zu meinen ersten Aufgaben. So haben wir also angefangen.

Fisch: Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.

3. Zusatzerfahrung aus Minsk – Weißrußland

Im September 1995 recherchierte ich in dem riesigen Fundus des Museums des Großen

Vaterländischen Krieges der weißrussischen Hauptstadt. Nachdem ich der Leitung mein

Anliegen vorgestellt hatte, organisierte diese ein Treffen mit Ivan Andreevič Bejdin. Der

ordensgeschmückte alte Offizier vor mir, hat 20 Jahre im Dienst der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), Berlin-Karlshorst, später bei der Achten Armee in Nohra in der Nähe von Weimar gestanden. Er kennt Erich Honecker und ist stolz, daß er in dessen Autobiographie erwähnt wird. 14 Beide hatten die ersten Kontakte schon 1945.

Erich Honecker war im August des Jahres mit dem Vorsitz des Zentralen Antifaschistischen Jugendausschusses der Sowjetischen Besatzungszone betraut worden. 15 Bejdin, als Jugendoffizier bei der SMAD, war einer der Berater von Honecker. Später habe er auch an Sitzungen des Zentralkomitees und des Politbüros der SED teilgenommen. Ein Mann also, der Einblick in manches Geheimnis bekommen haben mag. Von ihm versprach ich mir Einiges.

Bejdin bestätigte mir, daß der Rotarmist unter dem Einfluß der offiziellen Haßpropaganda

des politischen Apparates gestanden hätte. Dann sei die Sache aber durch einen Artikel von Alexandrow in der „Prawda“ korrigiert worden. 16

Der Abteilungsleiter im ZK der KpdSU wandte sich darin nachdrücklich gegen die Auffassung von Ilja Ehrenburg, „alle Deutschen sind gleich“ und „sie alle werden sich in gleichem Maße für die Verbrechen der Gefolgsleute Hitlers verantworten“. Er stellte dagegen, „nicht alle Deutschen verhalten sich gleich“ und „es kann überhaupt keine Rede sein von einer Einheit der ganzen Bevölkerung Deutschlands mit der herrschenden faschistischen Clique […]. Das sowjetische Volk hat niemals die Bevölkerung Deutschlands mit der in Deutschland herrschenden faschistischen Clique gleichgestellt.“

Als ich den Erscheinungstermin des Artikels nannte (14. April 1945) zeigte Bejdin sich betroffen und überrascht. Er meinte sehr nachdrücklich, das sei bedeufend früher geschehen. Danach wäre ein ganzes Netz von Aktionen zur Änderung der Situation zu Wege gebracht worden. 17 Das konnte ich ihm bestätigen. Zuvor sei aber so gut wie nichts zur Hebung der Manneszucht getan worden. 18 Meine durch eigenen Untersuchung gedeckte Darstellung, daß der nach Kriegsende in der DDR berühmt gewordene Ausspruch Stalins: „[…] das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.“ 19 zwischen dem Februar 1942 und dem April 1945 nie in der politischen Arbeit der Roten Armee zitiert worden sei, traf ebenfalls auf Widerstand. Darüber hinaus empörte den alten Herrn ein Aufsatz in der Hamburger Zeitschrift „Spiegel“ zum Verhalten der Roten Armee in Berlin. Das Blatt habe auch einen Befehl von Stalin Zur Deportation deutscher Frauen in die Sowjetunion angeführt. Ich hielt dagegen, daß ich persönlich ostpreußische Frauen kenne, die im GULAG gewesen seien.

Das meinte er mit dem Hinweis auf Frauen abwehren zu müssen, die sich im Baltikum aufgehalten hâtten und von dort gesund nach Deutschland Zurückgekommen seien. Das alles will besagen, in diesem Fall decken sich ungenaue Kenntnis der historischen Fakten und der Wille, keinen Schatten auf das Bild der Sieger fallen zu lassen.

4. Schlußbemerkung

Die beiden Kaliningrader (Königsberger) Herren hatten alle meine Fragen beantwortet. Sie reagierten weder abwertend noch abweisend. In allgemeinenFormulierungen ließen sie gar Gedanken an Übergriffe zu, aber verbanden sie das mit der Darstellung der behördlichen Gegenaktionen und der Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung. Da funktionierte auch das „Gedächnis der alten Herren sehr gut. Es versagte bei der Frage nach konkreten Übergriffen.

Die „Propagandamärsche“ und die „Drei freien Tage“ wurden geleugnet. Nützlich

sind die Auskünfte über die Bildung der Komandantur, die durchgeführten Arbeiten, den

Arbeitsstil sowie die Rolle der Militärjustiz.

Aber: Alle drei Offiziere, die (in der damaligen Sprache der Roten Armee) für die heiligste Sache,und die „Befreiung vom Faschismus“, gekämpft hatten, geben nicht zu, daß eben

dieses Geschehen auch mit Verbrechen befleckt war. Auf Heiligem darf es in ihrer Vorstellung keine Flecken geben. Diese Leute kann man verstehen und sie verdienen Achtung, sie haben ehrlich gearbeitet und ehrlich gelebt. Die „Ehre der Uniform ist vielleicht noch das Letzte, was ihnen von der Großmacht UdSSR geblieben ist.

Als historische Quelle könen ihre Aussagen aber nur mit größter Vorsicht und nachhaltiger Kritik bewertet werden.

Mehr als diese Drei erbringt auch die aktuelle russländische Historiographie nicht. In den

neunziger Jahren sind dort zwei Monographien erschienen, die sich unter anderen auch mit der vorliegenden Thematik beschäftigen. Der Historiker Michail Semirjaga widmet sich der Verwaltung der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands durch die Rote Armee 20, die Psychologiehistorikerin Elena Senjavskaja den sowjetischen Militärangehörigen im II. Weltkrieg. 21

Semirjaga teilt dem Soldaten in Deutschland ein ganzes Kapitel zu. Die Problematik deutet er bereits mit der Uberschrift an, Die Rote Armee – Befreierin oder „eine Horde von Asiaten?“. Auf insgesamt 17 Seiten benennt er an Übergriffen:

Für Ostpreußen „häufig tragische Exzesse“, ansonsten finden sich abstrakte Aufzählungen: „Fälle“ von Selbstjustiz, Diebstahl Banditentum Raub Vergewaltigung, auch träten Plünderer, Betrunkene und Radaubrüder in Erscheinung. Einzelheiten fehlen. Ansonsten stellt er ausführlich die Maßnahmen der Armeeführung zur Festigung der Disziplin dar, tröstet die Deutschen, daß die Armee sich auch in anderen Ländern so betragen habe, geradezu enthusiastisch wird er, als er sich dem Leben der Truppe in der DDR zuwendet. Versteht sich, daß sich nun alles zum Paradies der sozialistischen Völkerfreundschaft wandte. Senjavskaja, obwohl vier Jahre später gedruckt, legt in diesem Punkt keine neuen Forschungsergebnisse vor. Sie stützt sich bei der Darstellung der Übergriffe so gut wie ausschließlich auf Semirjaga, führt die Entwicklung unserer Kenntnisse also keinen Schritt voran.

Es ist davon auszugehen, daß Interview wie Gespräch dem gesellschaftlichen Konsens

Rußlands der neunziger Jahre entsprechen. Die Darlegung der vollen Wahrheit durch Historiker wie Militärs kann folglich erst inder ferneren Zukunft erwartet werden.

1 Aus der Fülle des Angebots seien exemplarisch genannt: Günter Böddecker, Die Flüchtlinge.

Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Frankfurt/M 1985; Hans Deichelmann, Ich sah Königsberg sterben, Zeitungsdruck, Aachen (1949); Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, o.O.u.J.; Eva Kalusche, Unter dem Sowjetstem, München 21979;Hans Graf v .Lehndorf, Ostpreussisches Tagebuch, München 1981; Norman M. Naimark, Die Russen in Deutschland, Berlin 1997; Heinz Nawrati, Vertreibungsverbrechen an Deutschen, 3., überarb. Aufl., München 1984; Alice Schwarzer, Marion Dönhoff – Ein widerständiges Leben, Köln 1996; Michael Wieck, Zeugnis vom Untergang Königsbergs, Heidelberg 1990; Alfred Maurice de Zayas, Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, 6., erw. Aufl., München 1981; Manfred Zeidler, Kriegsende im Osten, München 1996.

2 Gerhild Luschnat, Die Lage der Deutschen im Königsberger Gebiet, 2., erg. und durchges.

Aufl., Frankfurt/Main 1989.

3 Eberhard Beckherr, Alexej Dubatow, Die Königsberg-Papiere, München 1994.

4 Lew Kopelew, Aufbewahren fiír alle Zeit, Berlin 1979; Alexander Sols c h e nizin, Ostpreußische Nächte, Darmstadt/Neuwied 1976.

5Den Kontakt vermittelten die Direktorin des Staatlichen Gebietsarchivs Kaliningrad, Frau Fedorova, und der Dozent des Kaliningrader Instituts für Fischereiwesen, Herr Ageev. Es fanden zwei Begegnungen statt. In der ersten wurden wir miteinander bekanntgemacht und wir verständigten uns über mein Anliegen. Meine konkreten Fragen wurden noch nicht erörtert. Beim zweiten Treffen zeichnete ich das Gespräch mit Tonband auf. Ich hatte zu keiner Zeit den Eindruck, daß meineGesprächspartner sich durch eine meiner Fragen unter Druck gesetzt fühlten. Ihre Reaktion erfolgte meist rasch, sicher und nachdrücklich wie bei Leuten, die sehr gut wissen, wovon sie reden.

6 In Königsberg: Fuchsberger Chaussee – Samitter Allee – Cranzer Allee.

7 Staatliches Archiv des Gebietes Kaliriiıigriid (fortaii: SAGK), F. 330, L.1, A.2, Bl.l2-14, Befehl des Militärkomandanten von Stadt und Festung Königsberg, Tag unleserlich, Juni 1945, Nr. 15.

8 SAGK p_ 330, L_1_ A,2, l3l.3 l, Befelil des Militarkomniaiidiinteıi von Stadt uiid Festiıng Königsberg 24. Juli 1945, N1356

9 SAGK F 330 L.l, A.2, Bl.7l, Befehl des Militärkommandanten von Stadt und Festung Königsberg, 19. November l945 Nil-123 3

10 Neuendorfer Chaussee.

11 Fuchsberger Allee.

12Am Landgraben – Hans-Sagan-Straße.

13Sprache der Roten Armee: wache mit diensttuenden Personal.

14 Erich Honecker, Aus meinem Leben, Berlin 1980, S. 127.

15 Ebenda, S.125.

16 I. Aleksandrov, Tovarišč Erenburg uproščaet [Genosse Ehrenburg vereinfacht], in: Pravda, Moskau, 14.04.1945, S. 2.

17 Bernhard Fisch: Zur politisch-ideologischen Vorbereitung des sowjetischen Soldaten auf die Begegnung mit der Zivilbevölkerung Ostpreußens (Oktober 1944 – Mai 1945), In: Olsztynskie Studia niemcoznawcze, Olsztyn 1989, H. 3, S. 89; ders.: Zur Begegnung von Sowjetsoldaten mit deutschen Zivilisten in Ostpreußen, in: Geschichte Erziehung Politik, Berlin 1991, H. 4, S. 320.

18 Ich bin danach auf Dokumente der Wehrrnachtsführung gestoßen, die den Schluß zulassen, daß

der Justizapparat z. B. der 2.Weißrussischen Front recht aktiv gegen Gesetzesbrecher vorgegangen ist. Solche Aktionen konnte mein Gesprächspartner nicht benennen.

19 Josif Wissarionowitsch Stalin, Befehl des Volkskommissars für Verteidigung Nr. 55

vom 23.02.1942., in: Ders., Über den Großen Vaterländischerı Krieg der Sowjetunion, Berlin 1951, S. 50.

20 Michail I. Semirjaga, Kak my upravljali Germaniej [Wie wir Deutschland verwaltet haben], Moskau 1995.

21 Elena S. Senjavskaja, Psichologija vojny v XX veke. Istoričeskij optyt Rossii [Die Psychologie des Krieges im XX.Jahrhundert. Rußlands historische Erfahrung], Moskau 1999.

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